VOYEUR (vorher DATADATADATA)

Richard Lennox Krause

April / April - 2018

Universität der Künste Berlin

Was ist es?

Bei VOYEUR handelt es sich um einen Waschtisch mit Spiegel, Waschbecken, Kosmetik-eimer, Handtuchhalter und Badematte. Darin integriert ist ein System mit Kamera, Datenbank und künstlicher Intelligenz, welches den Betrachter analysiert und bewertet. Die Analyseergebnisse werden mit einem Projektor auf dem Körper des Betrachters dargestellt.

Was ist das Thema?

Die Digitalisierung elektrisiert Designer mit ihrem Gestaltungspotential ähnlich wie die Erfindung des Kunststoffes, und wird ein zentrales Thema des laufenden Jahrhunderts sein. So werden Daten das neue Öl. Fünf Tech-Konzerne haben die Ölfirmen als wertvollste Unternehmen abgelöst. In einer fragwürdigen Allianz mit staatlichen Einrichtungen formen sie unsere Gesellschaft um. In diesem Prozess spielen Designprodukte, die sich in jeder Hosentasche und Wohnung finden, eine wichtige Rolle, ebenso wie die Netzwerk-Infrastruktur dahinter. Ich wollte diese Prozesse besser verstehen, die Akteure genauer kennen lernen und die Rolle des Gestalters als Technologie-Agent hinterfragen und habe dabei meinen Schwerpunkt auf den Aspekt der Privatsphäre gelegt.

Warum sieht es so aus?

Als kritisches Designobjekt soll VOYEUR zum Diskurs anregen. Dafür wurde nach sinnbildlichen Objekten gesucht und diese zu einer Assemblage verbunden. Diese wurden im Rahmen des Intimraums Badezimmer wie folgt arrangiert: Ein übergroßes, auf den Kopf gestelltes Smartphone als Spiegel; Zwei Sprachassistenten als Hygienebehälter; Einen Serverschrank als Handtuchhalter und ein Wasserhahn in Form von Tiefseeglasfaserkabeln. Das Waschbecken und der Teppich basieren auf dem Grundriss und den Satellitenbildern der NSA Hauptzentrale. Durch die verschobenen Größenverhältnisse und Abstraktionen ergeben sich Metaphern und Verknüpfungen, welche die Rechercheergebnisse meiner Arbeit pointiert anschaulich machen. Datenfluss und Wasserfluss. Der Mensch als Geist im Smartphone. Datenmüll.

Was ist das Besondere?

Nähert man sich als Benutzer Waschbecken und Spiegel wird man von einem Kamerasystem, erfasst. Mittels einer künstlichen Intelligenz wird analysiert und katalogisiert. Was smarte Objekte sonst oft im Verborgenen machen, wird sichtbar gemacht. Der Betrachter dient als Projektionsfläche. Im Spiegel kann er von seinem eigenen Körper ablesen, an welchem Punkt das Programm gerade steht und welchen undurchsichtigen Wert es für den Betrachter ermittelt hat. Das Kamerasystem erkennt Betrachter wieder und sorgt für eine starke Irritation, die oft Grundlage für Gespräche über das eigene Verhältnis zur Technologie ist. Dieser Vorgang stellt plakativ eine grundlegende Veränderung in unserer Beziehung zu Objekten dar, die sich seit einigen Jahren vollzieht. Die räumliche Ungebundenheit von Funktionalität und Objekt nimmt zu. So können Objekte zu Agenten der Akteure am anderen Ende der Leitung werden, den Voyeuren.

Was ist neu?

Die Beziehung zwischen Objekt und Benutzer ist entsprechend gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen immer in einer Veränderung begriffen. Im Rahmen meiner Forschungsarbeit habe ich festgestellt, wie fundamental und vermutlich auch nachhaltig Vernetzung und Digitalisierung die Spielregeln dieser Beziehung ändern, wie zuletzt die Einführung der Massenproduktion. Meiner Meinung nach müssen wir Gestalter genau jetzt anfangen über die positiven und negativen Aspekte dieser Entwicklung debattieren. Neben dieser Erkenntnis halte ich die formale Herangehensweise der gestalterischen Assemblage für neuartig.