YES AND; – (I) might either need to grow a third eye or simply accept that some things will remain unclear

In einer Zeit des vermeintlichen Pluralismus, während zugleich die Radikalisierung immer schneller voranschreitet, fordert der Zeitgeist: Triff eine Entscheidung, kategorisiere, etikettiere!

Mit ihrer Bachelor-Kollektion „YES AND;“ schlägt Alessa Scivoli eine Gegenstrategie vor, die die Ambiguitätstoleranz der Betrachter:innen herausfordert. Aus der Frustration über bewusstes Missverstehen und einer Faszination für Perspektivwechsel entstehen visuelle Metaphern für das „Staying with the trouble!“ (D. Haraway).

Traditionelle Schnittmuster verschwimmen an ihren definierenden Grenzen und brechen ihre vorgegebenen Kategorien auf, optische Illusionen lassen die Realität für einen Moment ins Wanken geraten – sie wollen wahrgenommen, nicht kategorisiert werden. Die Kollektion widersetzt sich einer eindeutigen Interpretation: Der Raum bleibt offen, die Mehrdeutigkeit spürbar.

Der Körper des Verbrechens

Der weibliche Körper – insbesondere jener von indigenen, armen und rassifizierten Frauen – ist zu einem Schlachtfeld geworden, auf dem sich Patriarchat, Staat und Kapital einschreiben. In Gewaltkontexten wird dieser Körper paradoxerweise selten als Opfer anerkannt. Stattdessen wird er kriminalisiert, beschuldigt, verdächtigt – er wird zum „Körper des Verbrechens” gemacht. Nicht der Täter, sondern der Körper der Frau steht unter Verdacht.

Diese Arbeit macht sichtbar, wie bestimmte Körper allein durch ihre Existenz historisch als schuldig gelesen werden – durch koloniale und patriarchale Strukturen, die bis heute wirken.

Aus dieser Überzeugung heraus wurde mein eigener Körper zum Ausgangspunkt. Durch meine Silhouette habe ich zwei Objekte erschaffen: Das erste – “Ni Una Mas, Ni Una Menos”; spricht über Gewalt und die Narben, die bleiben. Das zweite – “Mucho Amor”; handelt von Widerstand – Schmerz in Kraft zu verwandeln, um nicht nur zu überleben, sondern neu zu existieren.

stage me!

Sich zu kleiden heißt, sich zu inszenieren. Die Kollektion stage me! von Franziska Bauer reagiert auf eine Welt, in der Selbstinszenierung in normierten Rastern auf Online-Plattformen stattfindet und in der klar ist, dass wir eigentlich jeden Tag Theater spielen. Ästhetiken und Routinen der Darstellung – ob im Netz, im Alltag oder im Geschlecht – werden analysiert und überzeichnet.

Bekannte Kleidungsstücke, inszenierte Objekte und eine „alltägliche“ Farbpalette werden verfremdet und neu kombiniert. So irritiert Vertrautes, und Unerwartetes wirkt selbstverständlich. Wenn die Inszenierung größer wird als wir selbst, bleibt die Frage nach Authentizität und Realität offen.

Empowerment durch Design – Neuentwicklung eines BHs unter feministischen Gesichtspunkten

Da sich das Konzept des klassischen BHs in den letzten 50 Jahren nicht wirklich verändert hat, wird in dieser Arbeit ein neuer Ansatz gesucht: weg vom Brüste-Heben, um Männern zu gefallen, oder Brüste-Verstecken, um sich vor ihnen zu schützen, hin – und teils zurück – zum entlastenden Kleidungsstück, das Frauen das Leben und die Arbeit erleichtert.

Weg von einem männlichen, objektivierenden hin zu einem neuen, emanzipatorischen und bedürfnisorientierten Blickwinkel, ausgerichtet an den Bedürfnissen der Trägerinnen. Hierbei wurde eine feministisch motivierte Neugestaltung durch die Betrachtung der Entwicklung des BHs und seiner Vorläufer, seiner kulturellen Bedeutung, Materialrecherchen und gezielten Umfragen angestrebt.

In verschiedenen angewandten Versuchen wurde schließlich ein Prototyp angefertigt.

Das Produkt macht den BH zu einem entlastenden Kleidungsstück, das Menschen mit Brüsten das Wohlbefinden in ihrem Körper fern von patriarchal geprägten Designtraditionen ermöglicht.

HUMAN BEHAVIOUR

Mode wird häufig auf einen dekorativen oder konsumorientierten Sinn reduziert. Diese Sichtweise greift zu kurz, denn Mode ist für mich eine eigenständige Kunstform und zugleich ein transkulturelles Medium sozialer Kommunikation. Durch den Einsatz eines visuellen Vokabulars schafft sie Bedeutung, macht Identität sichtbar und eröffnet Räume für gesellschaftliche Reflexion.

Im Zentrum meiner Arbeit steht die Auseinandersetzung mit Gewalt und ihrer dehumanisierenden Wirkung auf den Menschen. Untersucht werden visuelle, psychische und physische Formen von Gewalt sowie deren Übersetzung in gestalterische Ausdrucksformen.

Materialität, Konstruktion und Silhouette dienen dabei als Träger von Bedeutung: Harte Strukturen, Schichtungen und Einschränkungen verweisen auf Macht, Kontrolle, Verletzlichkeit. Die Arbeit bewegt sich im Spannungsfeld von Ästhetik, Ethik und sozialer Nachhaltigkeit. Mode wird dabei zum Medium der Reflexion und des Widerstands.

ver(f)altet

Das Projekt „ver(f)altet“ geht es um die textile Darstellung von Hautfalten, insbesondere Gesichts- und Handfalten, sowie Altersflecken. Die Modekollektion aus insgesamt vier Outfits, macht Hautfalten tragbar und am eigenen Körper erlebbar. Dadurch wird eine positive Auseinandersetzung mit dem negativ behafteten Thema der Alterung geschaffen.

Die Textilien zeigen irreversible Falten, die bereits in die textile Struktur integriert sind. Die Farbauswahl betont das breite Spektrum der Hautfarben und stellt diese überspitzt dar, um die feinen Farbnuancen der Hautalterung in den Vordergrund zu stellen.

Das Projekt fordert dazu auf, die durch unsere Emotionen und Mimik entstehenden Falten nicht zu korrigieren oder zu überdecken, sondern viel zu lachen, zu weinen oder die Stirn zu runzeln. Die dadurch entstandenen Hautfalten dürfen stolz präsentiert werden und sind ein wundervolles Zeichen eines gelebten Lebens.

Living on the Edge

Living on the Edge bewegt sich im Spannungsfeld zwischen Kunst, Design und Raum. Die Arbeit erforscht, wie Objekte durch Material, Kontext und Wahrnehmung unterschiedliche Bedeutungen annehmen können. Im Mittelpunkt steht eine Serie von Arbeiten, die Textil, Holz und Porzellan miteinander verbindet und dabei Gegensätze wie weich und hart, flexibel und stabil oder vertraut und überraschend miteinander in Beziehung setzt.

Durch textile Techniken wie Weben, Drucken, Färben und Steppen entstehen Sitz-, Wand- und Raumobjekte, die zwischen Möbel und Skulptur, Funktion und freier Form oszillieren. Sie sind als Interior-Elemente gedacht, entziehen sich jedoch einer eindeutigen Zuordnung und eröffnen neue Perspektiven auf Nutzung, Materialität und Raum.

Begleitet wird die praktische Arbeit von einer theoretischen Auseinandersetzung mit Funktion, Autor und Kontext. Gestaltung wird dabei nicht nur als Problemlösung verstanden, sondern als Medium für Bedeutung, Atmosphäre und Reflexion.

Selbstverständlich angezogen

„Selbstverständlich angezogen“ untersucht Selbstverständlichkeit als gestalterisches Prinzip zwischen Natur, Material und Kleidung.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung natürlicher Systeme, die durch Wandel, Kreisläufe und Wechselwirkungen geprägt sind. Diese Haltung dient als Grundlage für eine Gestaltung, die Offenheit und Entwicklung statt Kontrolle und Perfektion in den Fokus rückt.

Die Kollektion überträgt Prinzipien natürlicher Prozesse auf den Entwurfsprozess. Material wird dabei als aktiver Gestaltungspartner verstanden. Seine Eigenschaften, Grenzen und Unregelmäßigkeiten werden bewusst einbezogen und als Teil des kreativen Prozesses genutzt.

Im Zentrum steht ein Co-Creation-Ansatz zwischen Mensch, Material und Natur. So entstehen wandelbare Entwürfe, die Anpassungsfähigkeit und Prozesshaftigkeit sichtbar machen. Die Arbeit versteht Mode als Teil natürlicher Zusammenhänge und zeigt einen alternativen Umgang mit Gestaltung, der Entwicklung und Veränderung bewusst zulässt.

slow(the fuck)down

Trotz deutlich sichtbarer Folgen wie Umweltzerstörung, Ausbeutung und Textilbergen in postkolonialen Ländern beschleunigt sich die Modeindustrie weiter – auch für Gestalter*innen. In meiner Arbeit setze ich dieser Geschwindigkeit etwas entgegen:

Aus recycelten Polyester- Sporttrikots entstanden neue, malerische Flächen. In Anlehnung an Madame Grès wurden Kindheitszeichnungen drapiert, geformt und transformiert – als Reflexion der eigenen Biografie und als politische Positionierung.

Die Arbeit lädt dazu ein, innezuhalten und sich in den Falten auszuruhen.

Knitwave

In der Arbeit Knitwave wird untersucht, wie aus zweidimensionalen gestrickten Oberflächen selbstfaltende, dreidimensionale Textilien entstehen können. Die Dreidimensionalität des Gestricks entsteht allein durch die Spannungsunterschiede zwischen den beiden Grundmaschen, rechts und links. Je nach Anordnung der Maschen entstehen wellenförmige Falten im Gestrick, die in ihrer Höhe variieren und ein polsterndes Textil ergeben. Ziel ist es, durch das Zusammenspiel von Konstruktion und Faltung ein Volumentextil zu entwickeln, das in verschiedenen Bereichen eingesetzt werden kann.

Der Ansatz der Arbeit konzentriert sich dabei auf zwei Aspekte: die systematische Entwicklung eines Textilarchivs und die praktische Anwendung für ein Polstertextil zum Sitzen, das ohne Füllmaterialien auskommt und Komfort bietet.