eCOOP

Moritz Loose

Mai / May - 2020

Muthesius Kunsthochschule Kiel

Was ist es?

Der eCOOP beschreibt einen autonom fahrenden Hühnerstall, der die Verhaltensweisen des Huhns als Nutzen interpretiert und die optimale Umgebung für sie schafft. Das Picken und Scharren befreit den Boden nicht nur von Unkräutern, sondern auch von Schädlingen, indem die Hühner sie fressen. Der Kot kann direkt als Düngemittel für den Boden dienen.

Was ist das Thema?

Es ist offensichtlich, dass die Nutzung der Erde durch den Menschen nicht nachhaltig ist. Der Klimawandel demonstriert dabei nur eine vom Menschen verursachte Umweltbedrohung. Sollte der Mensch nicht effizienter mit seinen Ressourcen umgehen, stellt er sich auf kurz oder lang vor große Probleme. Der Boden etwa ist eine wichtige Lebensgrundlage und eine nur bedingt erneuerbare Ressource. Er erfüllt vielfältige, für das Leben notwendige Funktionen. Für die Landwirtschaft ist die Fruchtbarkeit des Bodens ein entscheidender Faktor. Doch Boden und Landwirtschaft bedingen sich nicht nur gegenseitig. Sie sind unteranderem für den Schutz von Wasser, Luft, Klima und Artenvielfalt besonders wichtig. Die Ausbeutung der Ressource Boden durch die intensive Landwirtschaft sorgt daher für weitreichende Folgen für Mensch, Tier und Natur. Es zeigt sich, dass neue Wege gefunden werden müssen, um auf diese Situation zu re- agieren. Die Frage, wie wir zukünftig Landwirtschaft betreiben können, zeigt sich zum Beispiel in dem Konzept der Permakultur. Sie hat die Natur als Vorbild und Lehrmeister und schlägt ein Gestaltungskonzept vor, das durch traditionelle Praktiken, moderne Wissenschaften und Techniken die Vielfalt und Widerstandsfähigkeit natürlicher Ökosysteme nachahmt, um ähnlich funktionierende Systeme für die Nutzung der menschlichen Bedürfnisse zu entwickeln. Wie der Boden in diesem Sinne positiv beeinflusst und bearbeitet werden kann, lässt sich anhand des Huhns darstellen und ist auch Grundlage für die Entwicklung des eCOOP-Konzepts: Im Konzept der Permakultur wird das Huhn nicht nur als Eierproduzent angesehen, sondern man zieht auch Nutzen aus den weiteren Verhaltensweisen, wie dem Picken, Scharren und der Exkremente. Das Picken kann zur natürlichen Schädlingsbekämpfung, das Scharren zum Umgraben des Bodens und zur Unkrautbekämpfung angesehen werden. Außerdem dient der Kot als direkter, natürlicher Dünger.

Warum sieht es so aus?

Um den Hühner eine artgerechte Haltung zu garantieren und den optimalsten Nutzen aus den Hühner zu ziehen, weist der eCOOP seine charakteristische Form auf: Insgesamt besitzt der eCOOP eine Gesamtflächhe von 16m2 bei einer Höhe von 1,5m. Auf seiner Fläche findet sich Platz für ca. 30 Hühner (Damit liegt er über dem Bio-Standard). Er besteht aus zwei Ebenen. So kann der gesamte untere Bodenbereich optimal ausgenutzt werden und die Bereiche "Auslauf" und "Nest" sind klar von einander getrennt. Ohnehin müssen Sitzstange und Nest generell erhöht angebracht werden, da Hühner ursprünglich Waldtiere sind und Schutz an erhöhten Plätzen suchen. Die untere Ebene bleibt dabei gänzlich frei von allem außer dem Boden. Auch der Kot kann nicht in den Futterbreich der Hühner gelangen. Mit der zweiten Ebene ist es außerdem möglich, die Elektronik, den Futtertrog als auch die Tränke unterzubringen. Gefüllt wird der Trog über eine Klappe am Gehäusering. Dort dient es den Tieren einige Zeit als Futter. Die Tränke wird mit einer Pume betrieben. Die dazu gehörigen Wassertanks befinden sich ebenfalls im Gehäusering. Auf der gegenüberliegenden Seite befinden sich die Brutkästen. Dabei handelt es sich insgesamt um sechs Stück, die für etwa 30 Hüh- ner ausreichen. Durch eine Klappe im Ring können die Eier in einer bequemen Höhe ganz einfach entnommen werden. Mit den beiden Solarpanels auf dem äußeren Ring wird gewährleistet, dass genügend Energie eingesammelt werden kann, um den eCOOP mit ausreichend Energie anzutreiben. Das großzügige, transparente Panoramadach und die vier Seitenteile aus einfachem Drahtgeflecht bietet den Hühnern nicht nur Schutz vor Raubvögeln, sondern sorgen durch die offene Gestaltung auch dafür, dass sich die Tiere nicht eingeängt und eingesperrt fühlen. Sie können die Sonnenstrahlen und das natürliche Licht in ihrer Umgebung wahrnehmen und spüren. In Kombination mit den, in die Seitenteile eingebrachten, Netze, können die Hühner neben der Sonne auch den Wind erfahren, der stets für Luftzirkulation und Frischluft sorgt. Die transparent, fast unsichtbar gestaltete Flächen stehen im wahrsten Sinne des Wortes auch für die Transparenz in diesem Konzept. Man soll sehen können, wie die Hühner leben. Die Dachverglasung ist mit Hilfe einer elektrochromen Folie in der Lage sich selbst zu verdunkeln. Am Tag sorgt es für ein natürliches Licht und suggeriert einen offenen Himmel. In der Nacht schaltet sich das elektrochrome Dach ein und verdunkelt den Hühnerstall, um den natürlichen Tag-Nacht-Rhytmus zu unterstreichen. Es gibt dem Huhn das Gefühl, während des Schlafs in einem sicheren Unterschlupf zu sein. Die Funktion orientiert sich dabei sowohl am Tag als auch bei Nacht an den natürlichen Vorlieben der Hühner. Darüber hinaus können die Scheiben auch unabhängig voneinander und vom Tag-Nacht-Rhytmus geschaltet werden. Etwa in heißen Sommertagen um Schattenplätze zu schaffen und die Temperatur im Inneren zu regulieren. Der eCOOP wird mithilfe einer zuvor bestimmten Route programmiert und fährt diese von da an kontinierlich ab. Dabei erreicht er eine maximale Geschwindigkeit von 0,15 km/h. In der Nacht bleibt der Stall stehen, um die Hühner nicht in ihrem Schlaf zu stören. Durch die geringe Geschwindigkeit wird gewährleistet, dass die Hühner die gesamte befahrene Strecke ausreichend bearbeiten können. Die 4 Reifen an den Außenkanten des Gerüsts sind um 360° schwenkbar und unabhängig von einander drehbar. Sie besitzten in der Felge jeweils einen eigenen Motor. Somit kann nicht nur vorwärts und rückwärts, sondern auch seitwärts navigiert werden. Das tiefe Reifenprofil lässt zudem das Befahren von sandigen und nassen Böden zu.

Was ist das Besondere?

Das besondere an dem Projekt ist es, das Huhn nicht nur als Eierproduzent zu sehen, sondern es als Teil eines Ökosystems zu verstehen, welches in Wechselwirkungen mit der Natur lebt. Erkennt man die natürlichen Verhaltensweisen als Nutzen für den Boden an, offenbart sich das gesamte Potenzial des Huhns. Neben den ökologischen Vorteilen und der artgerechten Haltung eröffnet der eCOOP daher vor allem die Möglichkeit, das Potenzial der Hühner als lebende Schädlings- und Unkrautvernichter optimal zu nutzen. Dadurch, dass die Hühner sich in einem definierten Bereich aufhalten, der in ständiger Bewegung ist, kann ein zuvor festgelegtes Gebiet exakt bearbeitet werden. In dem geschaffenen Rahmen befreien die Hühner allein durch ihre natürlichen Verhaltensweisen den Boden von Schädlingen, Unkräutern und düngen den Boden gleichzeitig mit ihrem Kot - dank des solarbetriebenen, autonomen fahrenden eCOOP komplett CO2 neutral. Als weiteren Benefit liefern die Hühner Eier.

Was ist neu?

Neu an dem Konzept ist es, über den Tellerrand hinauszuschauen und die Natur als Teil eines komplexen Systems zu verstehen, welches dem Menschen weitaus mehr Nutzen bringen kann als der momentane Ist-Zustand. Am Beispiel des Huhns gibt das Konzept des eCOOPs einen wichtigen Impuls zu einer nachhaltigen, zukunftsfähigen Landwirtschaft im Sinne der Permakultur.