Von Moritzpark bis Michaelburg

Tino Holzmann

Juli / July - 2018

Hochschule für bildende Künste Hamburg

Was ist es?

Ein audiovisuelles Hörspiel. Entworfen, um mit Menschen in den Dialog über Strukturen und die Wahrnehmung des alltäglichen zu treten. Die 22-minütigen filmischen Aufnahmen von unterschiedlichen Strukturen der Stadt Zeitz, sind durch eine Komposition der „Klanglandschaft des Alltages“ überlagert. Die Filmvorführungen als Intervention, um gemeinsam einen Leerstand zu reaktivieren.

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Was ist das Thema?

Menschen sind mehr als die Rollen, die sie ausfüllen. Barock bis Jugendstil türmt sich entlang der Höhenmeter in der Innenstadt von Zeitz. Vierzig Prozent der Gebäudeflächen hier stehen leer. Gewerbeparks, Einkaufszentren und Einfamilienhaussiedlungen im peripheren Raum entkräften das Zentrum. Hinzu kommen flächendeckend sanierte Großwohnraumsiedlungen am Stadtrand. Im Laufe meiner vielen Spaziergänge durch die Stadt suchte ich immer wieder das Gespräch mit den Bewohner*innen. Zeitz wurde in diesen Gesprächen mit Missmut und Frustration beschrieben: eine glorreiche Vergangenheit, der Verfall dieser und die Prognose einer pessimistischen Zukunft. Doch was sind die Kriterien dieser Bewertungen? Wie lassen sich diese Perspektiven dekonstruieren?

Warum sieht es so aus?

Die Kamera ist starr. Dadurch entsteht eine Ästhetik ähnlich von Postkarten. Die einzelnen Bilder sind ca. 30Sekunden lang. Der Zuschauer wird zum Beobachter der Stadt. Die von den Bildern entkoppelten „Klänge des Alltags“ wurden mit Kunstkopfmikrophonen aufgezeichnet. Dadurch entsteht ein sehr räumlicher Sound. Der Aufführungsort: Ein Vorführungsraum für maximal zehn Personen, ein Raum mit Café und Kuchen und einen zur Straße ausgerichteten Eingangsbereich mit Bar. Die leerstehende Bibliothek wurde im Zuge der Ausstellung mit den Besucher*innen in einen gemeinsamen (temporären) Gebrauch überführt. Der Eintritt war frei und die Werbung niedrigschwellig, um ein möglichst großes Publikum zu erreichen.

Was ist das Besondere?

Mit" Von Moritzpark bis Michaelburg" ist ein Medium entstanden, dass darauf abzielt mit Bewohner*innen und Gästen der Ausstellung in den Dialog zu treten. Das Narrativ vermeidet die Fokussierung auf die sonst stark überreizten Bilder des Verfalls, ebenso wie auf historische Überbleibsel einer vermeintlichen „Hochkultur“. Stattdessen versammelt die Arbeit Fragmente alltäglicher Realitäten und nimmt damit eine Kritik vorherrschender Diskurse über die Stadt Zeitz ein. Der Titel „Von Moritzpark bis Michaelburg“ ist ein Wortspiel aus dem in Zeitz stehenden barocken „Schloss Moritzburg“ und dem 2010 am Stadtrand entstanden Einkaufspark „Michaelpark“. Beide repräsentieren ein Gesellschaftsgefüge ihrer Zeit. „Von Moritzpark bis Michaelburg“ lief von 15 Uhr bis 22 Uhr im halbstündigen Rhythmus. Nach jeder Vorstellung gab es die Möglichkeit die Reaktionen des Publikums ungefiltert einzufangen und gemeinsam in einen Austausch zu treten. Anschließend konnten die Gespräche im Café und an der Bar fortgeführt werden. 19Uhr fand, anstelle einer Vorführung, ein Künstlergespräch statt.

Was ist neu?

Wir erreichten ein großes und diverses Publikum. Im Laufe des Tages haben etwa achtzig Gäste die Ausstellung besucht. Unterschiedliche Wahrnehmung zwischen Gästen aus Zeitz, überregionalen Besucher*innen und den beteiligten Künstler*innen führten dazu, die jeweilige Perspektive auf die Stadt zu erörtern. Die audiovisuelle Auseinandersetzung mit städtischen Narrativen des alltäglichen, hinterfragt vorherrschende Ideale einer europäischen Stadt. Das konstruierte Bild einer wachsenden, im Wettbewerb funktionierenden Stadt lässt sich nicht auf Zeitz anwenden, denn Zeitz bewegt sich im Diskurs einer schrumpfenden Stadt. Wie kann dieser Zustand als Potential für partizipative Gestaltungsprozesse, anstatt als Sinnbild des Niedergangs diskutiert werden.