TILT

Constanze Sophie Leuchtmann

April / April - 2019

Hochschule für Gestaltung Offenbach

Was ist es?

Die Überhitzung unserer Innenstädte ist ein wachsendes Problem, das sich aufgrund des Klimawandels nur noch verschärfen wird. Es wird zu einem Umdenken in der Gestaltung unserer gebauten Umwelt kommen müssen.
TILT ist ein modulares Fassadensystem, das auf eben jene klimatischen Bedingungen im urbanen Raum abgestimmt ist.

Was ist das Thema?

In Frankfurt war es 2018 mit 12,9 °C im Schnitt so warm wie an keinem anderen Ort in Deutschland seit Beginn der Aufzeichnungen. Tatsächlich ist es in urbanen Zentren generell meist wärmer als im Umland. Das Phänomen nennt sich städtische Hitzeinsel. Insbesondere in warmen Sommernächten kann die Temperaturdifferenz zum Umland bis zu 10°C betragen kann. Die nächtliche Abkühlung ist in der Stadt stark eingeschränkt durch antropogene Emissionen wie Abwärme, außerdem wärmespeichernde Baustoffe, die Versiegelung des Bodens und das Fehlen von Vegetation. TILT soll einen neuen Umgang mit dieser Problematik und eine mögliche Gegenmaßnahme aufzeigen.

Warum sieht es so aus?

Selbst komplexere Fassaden lassen sich durch senkrechte Schienen unterteilen, in die Lamellen eingehängt werden. Durch unterschiedliche Querschnitte können diese mittels Rotation auf klimatische Veränderungen reagieren. T-förmige Lamellen bilden bei Hitze einen Kanal vor der Aussenwand, Luft steigt auf. Um 90° gedreht öffnen sie sich, das Mauerwerk kann rasch auskühlen. Eine weitere Drehung bildet Kammern, in denen Aussenluft gestaut wird. Bei Kälte wird dadurch das Auskühlen verlangsamt. Vorm Fenster werden flache Lamellen angebracht, die zwischen vollständig geschlossen und geöffnet variieren. Drittens lassen sich bepflanzte Lamellen montieren, die ebenfalls drehbar sind und eine geschlossene Schicht bilden oder sich öffnen können.

Was ist das Besondere?

TILT soll dazu beitragen, zu einem dynamischen Umgang mit Temperaturveränderungen zurückzukehren. Ähnlich wie natürliche Organismen, die sich verändernden Umweltbedingungen wie etwa Schwankungen der Temperatur oder Sonneneinstrahlung anpassen, bietet auch die Gebäudehülle ein großes Potenzial für Regulationsmechanismen zwischen Innen- und Außenraum. Diese nutzt TILT, um Gebäude zu unterschiedlichen Zeiten durchlässiger zu machen beziehungsweise abzuschotten Im urbanen Raum in der gemäßigten Klimazone hat man es zudem vielfach mit bereits bestehender Bebauung zu tun. Daher soll der Entwurf sowohl mit Neubauten als auch Bestandsbauten kompatibel sein. Um auf möglichst viele unterschiedliche Fassaden anwendbar zu sein, bietet sich ein modulares System an. Das Ziel des Entwurfs ist es, nicht nur das Innenraumklima zu beeinflussen, sondern auch das Mikroklima um das Gebäude herum. Die Begrünung bietet dabei zusätzliche Vorteile: Sie kann Kohlendioxid und Staub binden, die Verdunstung über die Blätter erhöht zudem die Luftfeuchtigkeit und senkt die Temperatur in der unmittelbaren Umgebung.

Was ist neu?

Natürliche Organismen können sich verändernden Umweltbedingungen anpassen. Ganz anders sieht das bei modernen Gebäuden aus. Statt eine ganzjährige thermische Trägheit durch immer dickere Dämmschichten zu forcieren, bietet es sich in der gemäßigten Zone und insbesondere in urbanen Zentren an, dass das Gebäude zu bestimmten Zeiten unmittelbar auf die klimatischen Veränderungen reagiert. Um mit verschiedenen Zuständen optimal umzugehen, ist es wichtig, dass das System antizipatorisch agiert. Auf der Fassade verteilte Sensoren messen verschiedene Parameter, wie etwa Temperatur, Windgeschwindigkeit, Sonnenstand oder Niederschlag. In Kombination mit externen Daten, wie den Wetteraussichten oder der Geometrie der Umgebung können die Module also vorausschauend gesteuert werden.