The Great Smog – Diktion des Anthropozän

Ina Turinsky

Januar / January - 2019

Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Was ist es?

„The Great Smog“ ist ein Design-Research-Projekt in drei Teilen. Eine Sammlung von Ereignissen zeichnet das Abbild einer menschengemachten Zeit. Ein Essay stellt sich der Frage, wie diverse Disziplinen dem Begriff des Anthropozän begegnen. Die Beobachtungen münden in einem spekulativen Szenario, dass zukünftigen Rohstoffabbau überspitzt in der Technologie des „Animing“ darstellt.

Was ist das Thema?

Angelehnt an das historische Ereignis des 5. Dezember 1952 versinnbildlicht der Titel „The Great Smog“ eine nebulöse Zeit, in der die Grenzen des „Natürlichen“ und „Künstlichen“ verschwimmen. Während sich ökologische Probleme verdichten, wird ein Konzept in den wissenschaftlichen und öffentlichen Diskurs eingeführt, dass die Veränderungen vereint und dem anthropogenen Einfluss zuschreibt: das Anthropozän. Im Zentrum der praktischen Auseinandersetzung stehen veränderte Materialkreisläufe. Natürliche Rohstoffe werden der Umwelt entnommen, dem Menschen nutzbar gemacht und finden schließlich in ganz neuer Form zurück ins Ökosystem. Doch welche Reaktionen der Natur werden dadurch provoziert?

Warum sieht es so aus?

Fiktive Geräte finden in realen Objekten From und bleiben zugleich Skizze eines Gedankenexperiments. Der Blick in die Zukunft kommentiert die Gegenwart: Lebende Protagonisten werden nicht abgebildet. Folgeerscheinungen wird mit technischem Fortschritt gekontert. Ursachenforschung bleibt aus. 
Die Absurdität der Dystopie steht der Sammlung realer Begebenheiten gegenüber und dient als Kommunikationsmittel. Die Formensprache der Geräte und Anlage ist eine Fortsetzung der sachlich, wissenschaftlichen Ausdrucksweise der theoretischen Auseinandersetzung.

Was ist das Besondere?

Das Szenario konzentriert sich auf den industriellen Abbau metallischer Rohstoffe, in einer Zeit, in der herkömmliche Erzminen erschöpft sind. Durch die Technologien des Animinig können metallische Rohstoff aus Tieren gewonnen werden. In mobilen Weideanlagen werden drei Abbaumethoden angewandt: Die Dialyse macht sogenannte „Critical Loads“ im tierischen Blut zugänglich. Diese Anhäufung gelöster Metalle wird durch Filtration über eine semipermeable Membran abgebaut. Das Dialysat ermöglicht eine individuelle Feinabstimmung der Abbauerzeugnisse und -erträge. Das Schergerät vereint den Schneid- und Verbrennungsvorgang von angereichertem Fell in einer Maschine. Überschüssige organische Masse wird unmittelbar zerstört. Aus der Asche lassen sich im Folgenden gewünschte Bestandteile durch Säurebehandlung herauslösen. Das Melkgerät bedient sich der Funktionsweise des Dialysators. Gekoppelt an die Melkbecher wird die rohstoffhaltige Milch durch zwei Filter geleitet. Mittels Diffusion werden metallische Bestandteile gezielt ge-bunden. Der Doppelfilter ermöglicht eine maximale Ausbeute.

Was ist neu?

Die Spekulation beruht auf wissenschaftlichen Fakten („Great Acceleration“), erklärt sich durch biologische Neuentdeckungen (Hyperakkumulationspflanzen) und macht sich medizinische Technologien (Dialyse-Verfahren) zu Nutze. Die Arbeit bedient sich der mathematischen Methode der Ereignisalgebra: das Zusammentreffen von Geschehnissen, mit Blick auf mögliche Ausgänge. Ein Zufallsexperiment, dessen Ergebnisse sich zu einer Ereignismenge formen. Im Unterschied zur Prognose werden dabei keine Voraussagen über den Verlauf künftiger Entwicklungen getroffen, sondern Ist-Situationen addiert.