N.O.S.W.

Sebastian Kommer

Juli / July - 2019

Muthesius Kunsthochschule Kiel

Was ist es?

N.O.S.W. kann zum Kauf, aufbewahren, zubereiten und anrichten von Backwaren benutzt werden. Der Brotkasten besteht aus innovativem Rattanfurnier (karuun®) und Anröchter Stein. Die Gestaltung bündelt Überlegungen zur Wahrnehmung, dem Umgang und der Bedeutung von Produkten. Die Bestandteile sind modular und halten dank Steinverbinder. Der einzigartige Faltenwurf entsteht durch die Herstellung mittels Vakuumspannung und zeigt Individualität trotz möglicher Massenproduktion.
Die Beziehung zwischen Individuum & Produkt spielt eine ebenso große Rolle, wie Herkunft, Materialität & Produktion.

Was ist das Thema?

Seid einer ganzen Weile setze ich mich mit dem Thema der Nachhaltigkeit im erweiterten Sinne auseinandergesetzt. Im erweiterten Sinne deshalb, da es mir nicht rein um eine materialspezifische oder herstellungstechnische Betrachtung geht. Punkte wie materialeffizientes, materialgerechtes, recyclinggerechtes, schadstoffarmes und reparaturfreudiges Design spielen zwar eine große Rolle, dennoch muss meiner Überzeugung nach, die Nachhaltigkeit in einem größeren Kontext betrachtet werden. Hierbei verweise ich auf die theoretischen Überlegungen und Erkenntnisse. Im Zuge eines zukunftsfähigen Designbegriffes habe ich mir Richtlinien und Werte formuliert, nach denen ich gehandelt und gestaltet habe.

Warum sieht es so aus?

Die Form ist durch die thematische Auseinandersetzung mit dem Themenfeld der emotionalen Gestaltung entstanden. Der runde Grundkörper steht für Geborgenheit, Umschließung, sichere Begrenzung und Ruhe. Die schlichte Formsprache betont die einzelnen Bestandteile und deren Funktion. Klare, grafische Geometrie sorgt zusätzlich für eine einfachere „Lesbarkeit“ des Produktes. Die Optik des Furniers in Kombination mit dem Stein soll dabei durch die Andersartigkeit und radikale Zurschaustellung des Materials ein Alleinstellungsmerkmal bieten. Die Funktion und Interaktion mit N.O.S.W. zeigen die Erkenntnisse mit der theoretischen Auseinandersetzung vom Umgang mit Dingen. Der Brotkasten soll dazu einladen, das Brot bei einem regionalen Bäcker in der Nachbarschaft zu kaufen. Dieser Vorgang soll zu einem Alltagsritual werden, Erinnerungen kreieren und positive Assoziationen mit dem Produkt erzeugen. Es wird der Lokale und regionale Einzelhandel unterstützt und unnötiger Verpackungsmüll eingespart. 
Die einzelnen Bestandteile sind für alle key moments im Umgang mit Brot gemacht. Der Boden aus Esche ist gleichzeitig das Schneidebrett und die Haube mit Griff, kann als Brotkorb zum anrichten dienen.

Was ist das Besondere?

Die Herkunft des Materials war mir unter Berücksichtigung von Globalisierung und nachhaltigen Werten besonders wichtig. Durch ein vorheriges Projekt hatte ich Kontakt mit dem Team von OUT FOR SPACE. Sie entwickelten ein Furnier aus der Rattanpalme namens karuun®. Rattan kommt zu 80% aus Indonesien. Es ist ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor und wichtige Einnahmequelle für die Landbevölkerung. Die Bauern in Indonesien werden fair bezahlt und die lokale Wirtschaft wird unterstützt. Gleichzeitig wird der Regenwald erhalten, da dieser die Grundvoraussetzung für wachsende Rattanpalmen ist. Dazu kommt, dass Rattan keine Monokultur ist und nach bereits 5-7 Jahren geerntet werden kann. Er verwandelt während des Wachstums mehr CO2 in Sauerstoff, als bei dem Transport und der Produktion des Furniers freigesetzt wird. Der Anröchter Stein kommt aus Westfalen. Es ist ein natürliches Material und 100% Zurückführbar. Außerdem werden Steinbrüche in Deutschland rekultiviert und neu genutzt. Sie biete Biotope für seltene Tier-&Pflanzenarten. Ich möchte aufzeigen, dass wir durchaus in der Lage sind, global zu agieren und dabei sogar einen Mehrwert für Umwelt, Wirtschaft und soziale Strukturen entstehen kann. Die Koordinaten der jeweiligen Ursprungsorte des Materials sind auf dem Brotkasten vermerkt. Dadurch möchte ich den Aspekt der Herkunft für Konsument*innen klarer sichtbar werden lassen. Die Koordinaten können vielleicht nicht direkt gelesen werden, dennoch verbinden wir sie intuitiv mit der Herkunft oder dem Ursprung von etwas. Zusätzlich war es meine Intention, das Interesse an dem Produkt zu verstärken. Die Zahlenkombinationen sollen ähnlich wie das Branding eines Unternehmens verstanden werden.

Was ist neu?

Anhand der Betrachtung von Wahrnehmung, Umgang und Bedeutung von Dingen habe ich versucht, Erkenntnisse über die Beziehung zwischen Individuum und Produkt zu gewinnen und herauszufinden, wie diese sich gestalten lässt - sowohl auf formaler, als auch auf symbolischer Ebene. Können Werte durch ein Produkt vermittelt werden? Ich denke JA. Wenn das Artefakt Gegenstand des Denkens wird, kann es auch Werte vermitteln oder zumindest zum Nachdenken anregen.