MATERIAL MIND

Elena Steinmetz

Juli / July - 2019

Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim

Was ist es?

Auf den ersten Blick zeigt MATERIAL MIND monolithische Quader. Die Raumobjekte LIQUID und SOLID zeigen mit ihren gestalteten Oberflächen jeweilige Aspekte von Stahl als abstrahiertes Bild. Doch die Quader zeigen auch Öffnungen: Schmale Fugen, durch die Licht dringt. Reicht die Möglichkeit, das Offen-lassen, die Neugierde darüber, was sich im Inneren verbirgt, um in Interaktion zu treten? Durch eine Interaktion können neue Architekturen und Formationen entstehen. Und so definieren LIQUID und SOLID weniger eine Skulptur, als eher einen Agitator, wie es auch häufig in der Minimal Art konzeptioniert ist. Die neue Architektur ermöglicht einen Einblick ins Innere. Auch die Rückseiten zeigen Spuren der Bearbeitung. Die Struktur bleibt also nicht nur Oberfläche, sondern bildet Substanz. Und dennoch zeigt sich ein Kontrast zwischen Innen und Außen, zwischen dem Gestalteten und dem Puren. Die sinnliche Erfahrung liefert neue Erkenntnisse über das Material. Die Oberfläche bietet eine Vielzahl an visuellen Reizen, wenn sich die Strukturen durch Licht und Schatten verändern, und den haptischen Eindruck, wenn man über die Oberfläche streicht. Man erfährt das Gewicht, wenn man die Bauteile umsetzt. Man hört den Klang, wenn man das Material absetzt.

Was ist das Thema?

MATERIAL MIND. Der Begriff des Materialgedächtnisses überträgt das gesellschaftlich assoziative/kollektive Gedächtnis auf die angewandte Materialwissenschaft. Ihm liegen Materialwissen, Materialhistorie, Materialikonografie und Materialikonologie zugrunde und es zeigt somit eine Veränderbarkeit. Die Objekte LIQUID und SOLID sind das Resultat eines materialikonologischen Gestaltungsprozesses, bei dem die sinnlich-ästhetische Funktion und die Materialaussage am Anfang stehen. Das Material soll nicht nur Träger der Idee sein, sondern Gegenstand der Gestaltung bilden. Die Ästhetik von Materialien wird vor allem durch eine Flächengestaltung ersichtlich, da es Prinzipien vereinfacht und zugleich verdichtet aufzeigt und Raum für den jeweiligen Materialausdruck gibt. Und so zeigt die Arbeit auch einen radikalen Standpunkt gegenüber Oberflächengestaltung.

Warum sieht es so aus?

LIQUID zeigt das fließende, plastische, weiche Material im erwärmten Zustand, der Stahl wurde oberhalb Liquiduslinie bearbeitet. SOLID manifestiert den festen, harten Charakter von Stahl. Die Struktur zitiert den Hammerschlag, macht aber auch deutlich, dass bei kaltem Stahl drastischere Mittel angewandt werden müssen. Für die Beziehung Mensch, Material, Artefakt ist der physische Kontakt unabdingbar. Eine handlungsorientierte Situation muss herbeigeführt werden, ohne dass das Artefakt an ‚Aura‘ -wie sie das Kunstwerk in einem Museum umgibt- einbüßt. Ein Raumobjekt, welches interaktiv erfahrbar ist, kann diese Anforderung erfüllen. Eine minimalistische Formgebung war das zentrale Ziel, da bei der formalen Reduktion die Oberfläche an Bedeutung gewinnt. Metalle zeichnen sich durch eine hohe Stabilität trotz eines geringen Materialquerschnitts aus. So kann also ein großes Raumvolumen definiert werden. Eine Teilung in zwei spiegelsymmetrische Bauteile greift die Gegensätzlichkeit wieder auf. Die einzelnen Elemente lassen sich frei bewegen. Bei LIQUID ergibt sich ein stehender Quader; die vertikale Richtung wird aufgenommen. SOLID soll als liegender Quader mit der doppelten Grundfläche wie LIQUID, ein ruhendes, solides Bild zu erzeugen.

Was ist das Besondere?

Aufgrund seiner einzigartigen Eigenschaften und ökonomischen Vorteile, blieb Stahl das Material der Funktionalität. Stahl hat sich als Material der Werkzeuge, Waffen und der Industrialisierung, entwickelt. Seine Rolle ist allgegenwärtig und doch ist es in seiner alltäglichen funktionalen Position verhaftet. Dem können historische, kultur- geschichtliche, volkskundliche Faktoren zu Grunde liegen. Es gilt als das unedelste der Metalle und hat sich im Schmuck nie wirklich durchgesetzt. Ich möchte die besondere Atmosphäre, die Schönheit, die Stahl während seiner händischen Bearbeitung, manchmal nur während eines flüchtigen Augenblicks, umgibt, einfangen und verbildlichen. Die Eigenschaften des Stahls in seinem Ausdruck abstrahieren. Stahl ist für mich also nicht nur ein industrieller, funktioneller Werkstoff, sondern er zeigt auch eine händische Bearbeitbarkeit und sinnlich-ästhetisches Potenzial. Die Interaktion bietet die Möglichkeit das Material mit allen Sinnen zu erfassen, Stahl neu zu begreifen und in unserer digitalen Welt haptische Reize zu bieten, die losgelöst von funktionalen Prozessen erfahrbar sind.

Was ist neu?

Die Bezeichnung des materialikonologischen Gestaltungsprozesses soll einen Designprozess beschreiben, der Begriffe der Kunst mit Methoden Design verbindet. Sie orientiert sich an der materialinitiierten Gestaltung mit dem Unterschied, das nicht ökonomische, ökologische, technische und nutzungsbezogenen Eigenschaften des Materials maßgebend sind, sondern die Materialaussage. Die Materialikonologie, wie sie Thomas Raff in „Die Sprache der Materialien“ begründet, untersucht neben Eigenschaften und Wirkungen des Materials auch semantische Faktoren. Die Materialbedeutung ist durch kulturhistorische, wirtschaftliche, technische, topografische, materialhierarchische und religiös-mystische Einflüsse veränderbar. Statt die Ikonologie lediglich als ein nachgestelltes Mittel der Interpretation von Kunst zu begreifen, möchte ich als Designerin diese Prozesse aktiv in meine Gestaltung einbeziehen. Folgende Aspekte sind teil des Entwurfsprozesses: 1. Materialwahl 2. Materialwissen und gesellschaftlich assoziatives/kulturelles Materialgedächtnis 3. Materialaussage/Materialsprache/Materialgestaltung im künstlerisch-praktischen Versuch 4. Materialpräsentation (Position im Raum/Dimension/Proportion) und Anwendung 5. Formfindung