M3: Machine – Mass – Mold

Lotte Schlör

Februar / February - 2020

Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle

Was ist es?

„M3“ ist ein Prozessprojekt, in dem ich beim Experimentieren mit einer selbstgebauten Druckgussmaschine einen neuen Formentyp geschaffen habe: die drehbare Gipsform. In beiden Teilen der Form ist ein Muster eingefräst – die Drehung der Hälften erzeugen unendliche Variationen des Ursprungsmusters. Die Form schafft so ein industrielles Unikat.

Was ist das Thema?

Massenprodukt und Unikat bilden zwei Pole im Spannungsfeld von Design, Kunst und Handwerk. Was scheidet das „perfekte“ Duplikat vom „unperfekten“ Unikat? Ein Schaffensprozess, zu dessen Schritten ich forsche. In meiner Bachelor-Arbeit habe ich eine Druckgussmaschine entwickelt, die kleinserielle Verfahren für ein experimentierfreudiges Design-Umfeld ermöglicht. Denn für mich als Grenzgängerin zwischen Design, Kunst und Handwerk ist die Steuerung des Schaffensprozesses zentral: Indem ich in jeden Arbeitsschritt eingreifen kann, bestimme ich, ob Handwerk, Kunst oder Design entsteht.

Warum sieht es so aus?

Die Gesamtheit der Maschine ist die Summe ihrer funktionalen Einzelteile: Der Kompressor presst Luftdruck in ein Bierkeg mit Porzellanschlicker. Über einen Schlauch wird so die Gipsform gefüllt, deren beiden Teile von einer Buchpresse zusammengehalten werden. Einer druckkonstanten Befüllung zwischen ein und drei Minuten entsteht in der Gipsform das Produkt: experimentelle Porzellanplatten mit Lochstrukturen. Nach verschiedenen Formtests fiel die Entscheidung auf zwei sehr unterschiedliche Designs – ein unregelmäßiges und ein symmetrisches: Die „Wellen“ sind zwei unterschiedliche Scheiben – die eine ergänzt die andere. Wenn sie genau übereinander liegen ist das Muster komplett geschlossen. Die „Löcherscheibe“ hingegen ist komplett symmetrisch und wiederholt sich jede Vierteldrehung.

Was ist das Besondere?

Die Niederdruckgussmaschine eröffnet ein ganz neues Feld der Formgebung: zahlreiche Einschränkungen die im normalen Gussverfahren mit Porzellan vorkommen – wie die Bindung der Innen- an die Außenform oder fehlende Verstärkungen zur Objektstabilisierung – sind mit diesem Verfahren gelöst. Aber: Druckguss wird normalerweise nur bei sehr hohen Stückzahlen und ausgereiften Produkten verwendet. Tests sind hingegen mit Druckguss nur schwerlich möglich und, wenn überhaupt, ausschließlich mit hohem Zeit-, Kosten- und Materialaufwand – das Gegenteil des Experimentierens. M3 greift das kleinserielle Verfahren der Niederdruckguss auf und passt es an ein experimentierfreudiges Design-Umfeld an. Nur, wenn man den Schaffensprozess kontrolliert, entstehen im Experiment neue Ansätze.

Was ist neu?

Die drehbare Form erlaubt nicht nur dekorative Zwecke, sondern bietet auch funktionalen Anwendungsmöglichkeiten: Ein Henkel oder eine Schnaupe, zum Beispiel, die man mal rechts, mal links an der Tasse oder Kanne anbringen kann. Ebenso können Griffe oder Ausgüsse in verschiedenen Positionen montiert werden, ohne dass verschiedene Formen verwendet werden müssen. Dies ist besonders bei der Individualisierung von Produkten von Bedeutung, zum Beispiel für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. In Zeiten billiger Massenproduktion und teurer Fall-zu-Fall Individualisierung ist "M3" ein Kompromiss zwischen zwei Welten: Porzellanindustrie und Porzellanhandwerk.