ISO16

Thorben Heuer

Januar / January - 2020

Hochschule für Angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim

Was ist es?

ISO16 ist ein Kaffee-Set aus Limoges Porzellan, welches es mithilfe von konstruktiven und materialspezifischen Eigenschaften ermöglicht, die Hände vor dem heißen Getränk zu schützen.

Was ist das Thema?

Das Thema meiner Thesis lautete "Keramische Isolationsmechanismen für heiße Getränke". Mein Ziel war es herauszufinden, welche konstruktiven Maßnahmen ich ergreifen muss, um heiße Getränkebecher problemlos in der Hand behalten zu können ohne mir die Finger zu verbrennen. Durch konstruktive Maßnahmen lassen sich wärmedämmende keramische Behältnisse herstellen, die ohne Henkel, doppelwandigen Guss und ohne ein Fremdmaterial als wärmedämmende Schicht auskommen. Die meisten Systeme versuchen die Schwächen des Materials zu umgehen, um diese dann wieder auszugleichen. Die chemischen und physikalischen Materialeigenschaften sind im Vergleich zu den meisten Metallen sehr gut. Sie eigenen sich hervorragend, um sie gestalterisch und konstruktiv so anzuwenden, sodass der Vorteil der spezifischen Materialeigenschaften zum Tragen kommt und effektiv genutzt wird. Meine Annahme war es im Vorfeld meiner Thesis, dass Rippen oder rippenähnliche Strukturen die Hände vor der Hitze schützen können. Je mehr Porzellan bzw. Luft zwischen meinen Fingern und dem heißen Wasser ist, desto besser sind die isolierenden Eigenschaften.

Warum sieht es so aus?

Dieser Entwurf ist die Quintessenz aus meiner vorrangegangenen Forschung. Sie vereinen harte geometrische und aufstrebende Formen mit weichen sinnlichen Übergängen zu einem spannungsreichen Objekt. Die Grundgeometrie ist ein konischer Zylinder. Wenn man es genauer betrachtet, ist es eigentlich ein auf dem Kopf stehender Kegelstumpf, und eine Kugel, welche den Kegelstumpf am Quadranten der Kugel schneidet. Bei dieser Form könnte man fast von logischer Konsequenz sprechen, dass die Kanne so aussehen muss. Die Drehsymmetrie der Rippen war vorgegeben, denn alle Rippen müssen zum Zentrum kleiner werden können. Die Kugel, welche den Abschluss der Kanne bildet, entspringt der Notwendigkeit, dass Porzellan so viel Flächenspannung wie möglich braucht, um Deformationen beim Brand zu verhindern. Die Schnaupe ist die Weiterführung der Rippe auf der zweiten Hälfte der Kugel. In der Dimension stark vergrößert, doch in der Anmutung ebenbürtig. Die Ausgestaltung der Schnaupe lässt keine Irritationen mehr zu. Das Ausfließen der Rippen und der Schnaupe, bedingt durch den Umstand, dass beide den Grundkörper einer Kugel an dessen Quadranten schneiden, schafft ein spannungsreiches, fast schon dramatisches Detail. Durch die zwei unterschiedlichen Konturen entsteht ein Innen und ein Außen, welche im Bereich des Griffes ineinanderfließen und so zu einem Objekt verschmelzen. Die Fläche der inneren Kontur ist so angelegt, dass die Kontur der Kugel unterhalb des Quadranten bestmöglich wahrnehmbar ist. Der Betrachter muss die Form der Kugel gedanklich vervollständigen können, obwohl die Rippen den Großteil dieser verdecken. Die auslaufenden Rippen an der Schnittstelle der Kugel, heben sie optisch empor und halten sie fest. Die Tiefe der Rippen von ca.11 mm in Kombination mit der glänzenden Glasur versprechen ein aufregendes Spiel von Licht und Schatten. In der Abmessung des Füllvolumen bin ich an dieser Stelle eingeschränkt. Ich muss darauf bedacht sein, dass der Durchmesser nicht zu groß ist damit man sie mit einer Hand einfach heben kann. Es gibt zwei Gründe warum die Kanne nicht zu hoch sein darf. Zum einen erhöht dies das Volumen und damit das Eigengewicht und das Füllvolumen. Zum anderen darf diese auch nicht zu schwer für eine Hand werden. Der, meiner Ansicht nach maßgebliche Aspekt, ist der der Proportionen der Kanne. Wird die Höhe unproportional zum Durchmesser größer skaliert, sind dies die Proportion einer Karaffe. Eine schmale sich in die Länge streckende Silhouette. Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, dass die bis zur Spitze laufende Schnaupe eine Positionierung des Deckels oben auf der Kanne unmöglich machen würde. Dieser Entwurf verlangte einen Deckel seitlich auf der Rückseite der Kugel im 45° Winkel zur Symmetrieachse auf den Mittelpunkt zeigend. Diese Entscheidung verringert das Füllvolumen erheblich, doch schafft auch neue Möglichkeiten. Der große Radius der Rippen an der Unterseite der Karaffe ist eine konstruktive als auch gestalterische Entscheidung gewesen. Der große Radius ist erst einmal ein konstruktiver Schutz gegen Zusammenstöße mit Tischplatten, Arbeitsplatten oder aller Art von sonstigen, Porzellan zerbrechenden Gegenständen. Es gibt keine spitzen oder scharfen Kanten die leicht abplatzen können. Die Rippen fließen in einem Bogen in den Unterboden ein und vergrößern die Standfläche um ein paar Millimeter. Dies trägt zur Standsicherheit der Kanne bei.

Was ist das Besondere?

Rippenkonstruktionen kommen derzeit in der Tischkultur nicht vor, doch sie haben auch hier ein enormes Potential neue Gestaltungsansätze zu entwickeln. Sie Schützen die Hände vor heißen Flüssigkeiten und haben anders herum auch das Potential Lebensmittel über beispielsweise Verdunstungskälte zu Kühlen. Die Rippen ermöglichen den Becher oder die Kanne ganzheitlich und sicher zu Fassen. Die Rippen verhindern zudem, dass einem das Gefäß aus der Hand rutschen kann. Becher sind wesentlich einfacher zu handhaben als Tassen mit einem exponierten Henkel.

Was ist neu?

In Europa haben wir uns mehr oder weniger schon seit Jahrhunderten darauf geeinigt, wie Trinkgefäße für heiße Getränke auszusehen haben. Der Großteil, der heute zu erwerbenden Gefäße, verwendet das Prinzip eines exponierten Bauteils, welches es ermöglicht heiße Trinkgefäße, ohne die Gefahr sich zu verbrennen, zu benutzen. Der Henkel ist ein eigenständiges Bauteil eines Gefäßes, welches wir hinzugefügt haben, um das Gefäß sicher greifen zu können. Dieses Merkmal hat Vor- und Nachteile. Gestalterisch bietet es eine neue Ebene, um die Funktionalität und Formensprache zu unterstützen. Gelingt dies nicht, kann der Henkel wie ein Fremdkörper wirken. Ich denke wir haben uns aus der Selbstverständlichkeit so sehr an das Erscheinungsbild von Tassen und Bechern gewöhnt, sodass wir die Funktionalität, die Handhabung und die Ästhetik gar nicht mehr hinterfragt wird. So ist jedenfalls mein Eindruck. Wie oft saß ich bereits in Kaffees und habe mich über die unergonomischen Henkel und ausladenden Tassen geärgert. Dabei habe ich schmale Finger, wie sollen erst Menschen deren Finger dicker sind mit diesen Produkten umgehen? Gestalterisch werfen Henkel, bei näherer Betrachtung einige Fragen auf, bei der Handhabung sind es noch einige mehr. Um die Hand vor Wärme zu schützen finden sich noch einige andere Ansätze, um dies zu gewährleisten. • Doppelwandige Trinkgefäße • Manschetten • Silikon Schnüre • Samt Aufkleber • Henkel Vieles an diesen Ansätzen ist gestalterisch, ästhetisch und Materialbezogen falsch und verfehlt den wertigen und nachhaltigen Ansatz, den Porzellan, oder allgemein keramische Produkte mit sich bringen. Im Allgemeinen ist die Idee Rippenkonstruktionen als isolierende oder kühlende Komponenten zu verwenden nicht neu, im Zusammenspiel mit Porzellan im Bereich Tischkultur jedoch schon. Erst die digitale Modellentwicklung, additive Fertigungsverfahren und Materialforschung machen dies möglich.