Dornröschenkuss

Till Magnus Maurer

Oktober / October - 2019

Hochschule für Gestaltung Offenbach

Was ist es?

Das Ergebnis der Forschungsarbeit „Dornröschenkuss“ ist ein tragbares Gerät zum Schutz der persönlichen Daten. Das smarte Objekt klinkt sich in die Kommunikation zwischen smarten Geräten ein und verschlüsselt Datenströme. Die Energieversorgung erfolgt durch Energiegewinnung durch Bewegung des Produkts.

Was ist das Thema?

"Dornröschenkuss" gliedert sich in zwei Themenbereiche auf: Zunächst stellt sich das Design seit einigen Jahren die Frage, wie sich smarte Produkte gestalten lassen und welchen Attributen und Regeln diese Gestaltung folgen muss. Wenn sich smarte Produkte durch ihre Komplexität und Wandelbarkeit der Funktion auszeichnen, scheinen bekannte Gestaltungsgrundsätze nicht mehr zu greifen. Dass Produkte jedoch erst durch ihre Benutzung aufleben können und aus dieser ihre Energie speisen oder ihre Funktionsweise ganz analog durch Trübung und Verdunklung der Oberfläche kommunizieren sind neue Ansätze und konträr zu omnipräsenten Vertretern smarter Objekte. Ohne ständiges Aufladen am Ladegerät werden viele andere smarte Produkte zum nutzlosen, "toten Stein". Der Megatrend Datensicherheit stellt den zweiten thematischen Pfeiler des Entwurfs dar. Wenn Daten bereits "als Rohstoff der Zukunft" gelten, gilt es den Ursprung der Daten (das Individuum) zu schützen.

Warum sieht es so aus?

Das ellipsoide Objekt besteht aus einer beschichteten, gläsernen Hülle mit einem vergoldeten Schwungpendel im Inneren. Im Schwungpendel befinden sich die smarten Module. Diese bilden durch ihr Eigengewicht die Unwucht zur mechanischen Energiegewinnung. Durch die Bewegung des Nutzers fährt das Pendel eine Kreisbahn ab und läd sich auf. Um die visuelle Transparenz beizubehalten und den wertigen Kern des Produkts zu inszenieren ist das Pendel nicht mittig gelagert, sondern an einem umlaufenden Ring. Die Materialien Glas und Gold folgen einem klaren Recyclinggedanken: Die trennbaren Komponenten im Inneren schaffen durch die hochwertigen Materialien einen Anreiz zur Wertstofftrennung nach dem Lebenszyklus/ der Obsoleszenz des Produkts. Die runde Formgebung ergibt sich aus der Funktionsweise des Pendels.

Was ist das Besondere?

Die Kombination aus analoger und digitaler Funktionsweise sowie die Übersetzung der Funktionsweise als sichtbares Ereignis auf der Oberfläche stellt eine Besonderheit dar. Das Gerät filtert und vertauscht Daten ähnlich eines Hütchenspiels. Die Erkenntnis aus der Summe der Daten bleibt damit erhalten, das Individuum wird jedoch geschützt. Alleine die Vermutung der möglicherweise vertauschten Daten erzeugt einen gewissen Schutz (Placeboeffekt). Je intensiver und länger das Gerät arbeitet, desto mehr Kreisbahnen legt das Pendel im inneren zurück. Die beschichtete Glashülle reagiert mit dem umlaufenden Pendel (kleine Partikel laden sich auf und richten sich zum Pendel hin) - die Oberfläche verdunkelt sich. Es wird die Filterwirkung des Produkts wie bei einem vollen Sieb oder einem Ölfilter durch die dunkle Färbung sichtbar. Das transparente Objekt schwärzt sich.

Was ist neu?

Die Auseinandersetzung mit dem "Rohstoff der Zukunft" als Inhalt einer gestalterischen Fragestellung. Smarte Produkte lassen sich nicht nach alten Regeln der Formgebung gestalten, sie müssen im Kontext mit dem Nutzer und untereinander stimmig und sinnhaft sein. Der Ansatz die Verfärbung analoger Oberflächen als Ersatz für ein Display zu nutzen ist ebenso provokant und neu wie die Energiegewinnung aus der Nutzung selbst. Das smarte Produkt wird vom Nutzer "wachgeküsst". Hochwertige Materialien als Recyclinganreiz zu nutzen ist ebenso ein radikal neu gedachten Ansatz.