Peatland Forensics

Leoni Fischer

Januar / January - 2020

Bauhaus Universität Weimar

Was ist es?

„Peatland Forensics“ beschäftigt sich gestalterisch mit Ecological Grief. Der Begriff  beschreibt negative Emotionen die durch das Erleben indirekter oder direkter Folgen der Klimakrise hervorgerufen werden. Was bedeutet es, um eine Landschaft zu trauern? Aus  meiner  Auseinandersetzung mit dem Roten Moor, einer durch die Klimakrise direkt bedrohte Landschaft in der Rhön, entstanden acht Tongefäße. Sie erzählen durch Form, Herstellung und Material die bewegte Geschichte des Moores und zeigen seine fortwährende Bedrohung durch Austrocknung. So kann durch taktiles Erfahrbar-machen von ökologischen Prozessen eine weitere Dimension der Klimakrise vermittelt werden.

Was ist das Thema?

Die Herstellung von Produkten ist seit jeher auf komplexe Weise mit Natur verwoben. Ziel dieser Arbeit ist es, anhand einer Reihe von Objekten die menschengemachte Zerrüttung einer Jahrtausende alten Landschaft zu verarbeiten: Dem Roten Moor. Die Objekte sind Mahnmal und Reminiszenz für die Auswirkungen des Klimawandels auf die Moorlandschaften und sollen als Kommunikationsobjekte das Thema „Ecological Grief“ in den öffentlichen Diskurs einbringen. Sie sollen zudem konkret zwischen Betrachter:in und bedrohter Landschaft vermitteln und ein Anstoß sein, sich die eigenen Ängste und Gefühle gegenüber den Auswirkungen des Klimawandels einzugestehen und diese zu reflektieren. Fokus der Arbeit ist daher weniger eine direkte Verminderung der Umweltbelastungen etwa durch nachhaltige Materialien etc. sondern liegt vielmehr darauf, Strategien zu entwickeln wie wir trotz der oft belastenden Nachrichten über den Gesundheitsstand unseres Planeten weiterhin psychisch und gestalterisch handlungsfähig bleiben. So kann auf lange Sicht ein reflektiertes Umwelt-Bewusstsein und ein informiertes Handeln im Bezug auf ökologische Nachhaltigkeit entstehen - sowohl in der Entwurfspraxis als auch im individuellen Alltagskontext.

Warum sieht es so aus?

Bei der Gestaltung der Tongefäße habe ich versucht die anthropogenen und klimatischen Prozesse, die das Rote Moor in der Rhön seit seiner Entstehung geprägt haben, sensuell erfahrbar zu machen. Um 1800 wurde in der Rhön der Brennstoff knapp. So begann das harte Ringen der Menschen mit dem Moor. Nach nur 99 Jahren Torfabbau gilt das Rote Moor heute als „tot“. In den 60ern fand man dort beim Torfstechen ein spätmittelalterliches Tongefäß - den Kugeltopf. Als ein „Massenprodukt“ seiner Zeit gibt er Auskunft über den Alltag im heute vergessenen Moordorf und diente mir so als Ausgangspunkt für die Formfindung. Um das Moor entstanden Töpfereien, die den weißen Ton des Moores verarbeiteten. Gebrannt wurde mit Torf. In meinem Entwurf habe ich all diese Elemente verwendet, um den Landschaftswandel über die Zeit der menschlichen Intervention zu erfassen und gleichzeitig auf die Kulturprodukte zu verweisen, die simultan dazu entstanden. Als Grundparameter für den Entwurf habe ich Torf als "Auslöser", die Struktur als „Produkt“ und das Gefäß als „Träger“ gewählt. Metaphorisch steht der Torf für die Entnahme des Rohstoffs und so für den Raubbau an der Landschaft. Die Struktur, die durch das Ausbrennen des Torfes entsteht, zeigt den damit einhergehenden, immer stärker sichtbaren, Zerfall. Das Kugeltopf-Gefäß fasst diesen Prozess im Kontext des Roten Moores ein und deutet so auf den Einfluss des Menschen als formende Kraft hinter diesen Prozessen hin. Durch die zunehmende Zersetzung des Tonkörpers über den Verlauf der acht Gefäße können abstrakte Prozesse wie Landnahme und Austrocknung nachvollzogen werden.

Was ist das Besondere?

Die Methode ist das besondere: Der Designprozess verläuft hier parallel zum Trauerprozess. Durch einen an den Trauerprozess der Psychologin Verena Kast angelehnten Rechercheprozess wurden alle Ressourcen für den Entwurf zusammentragen. Material, Form, Herstellungsmethode entspringen also der investigativen Arbeit vor Ort im Moor. Dieser Designprozess, der sich so im direkten Dialog mit der Landschaft abspielt, bildet ein Ritual, welches durch die Gestaltung der Gefäße als Trauerobjekte vollendet wird.

Was ist neu?

Die Klimakrise ist eines der am häufigsten behandelten Themen unserer Gegenwart. Denn: die akute Bedrohung durch den Klimawandel betrifft uns alle. Meistens wird das Thema jedoch von der Wissenschaft in Form von Statistiken analysiert und dargestellt oder in Zeitungsartikeln beschrieben. Eher selten wird dabei eine Verbindung zu den psychischen Auswirkungen des Klimawandels gezogen. Umwelttrauer ist jedoch ein häufig verbreitetes Phänomen welches zu Hilflosigkeit und Fatalismus führt. Doch um dem Klimawandel etwas entgegen zu setzen muss die psychischen Handlungsfähigkeit weiter gewährleistet werden. Aus diesem Bedarf heraus stellt "Peatland Forensics" die Verbindung zur Trauerkultur her. Durch einen neuartigen Designprozess, der parallel zum Trauerprozess abläuft und die Gestaltung von ortsspezifischen Trauerobjekten wird das abstrakte Thema Landschaftssterben durch Klimawandel sensuell erfahrbar.