Ausklang

Clara Keseberg

September / September - 2019

Fachhochschule Potsdam

Was ist es?

Meine Bachelorarbeit ist die Entwicklung eines Slow-Down-Produktes als brückenschaffendenes Objekt zur achtsamkeitsbasierten Stressreduktion mit dem Fokus auf der Einschlafphase, mit dem Ziel Entspannung durch auditive und visuelle Monotonie herbeizuführen. Angeknüpft ist die Etablierung eines Einschlafrituals.
Das Ergebnis ist die Tischleuchte AUSKLANG, ein Slow-Down-Produkt zur Sensibilsierung des Nutzers für die Kostbarkeit des Schlafes. Mit dem Auftreffen des Schlegels am Leuchtenschirm erklingt der beruhigende Ton der Klangschale und taucht die Umgebung in ein warmes Licht – eine neue Phase beginnt. Der Klang gilt als auditiver Taktgeber und läutet die Einschlafphase ein. Das Ritual hilft dem Nutzer sich aktiv und bewusst von der produktiven Zeit des Tages zu verabschieden und sich der Regeneration anzunehmen.

Was ist das Thema?

Der Entwicklung der Tischleuchte mit analoger Soundfunktion liegt eine fundierte theoretische Arbeit zugrunde, die sich mit den Themen Einschlafen, Schlafhistorie und dem Stellenwert des Schlafes in der westlichen Gesellschaft wie auch den Voraussetzung zum Einschlafen, dem Entspannen; der Klangschalentherapie und der Auseinandersetzung mit Ritualen befasst. Die Themenfelder wurden mit verschiedenen Versuchsreihen, Interviews, Workshops und fotografischen Dokumentationen von Schlafplätzen unterbreitet. Schlaf gehört zu den biologischen Grundbedürfnissen des Menschen, ebenso wie Wärme und Nahrung. Von der Evolution noch nicht abgeschafft, aber von vielen als lästig empfunden, lässt er sich noch nicht beherrschen, macht uns handlungsunfähig und nahezu bewusstlos. In der Wissenschaft gilt es als noch wenig erforschtes Gebiet, doch das Streben nach Kontrolle über ihn zeigt sich auch in den Produkten, die auf dem Markt erscheinen. Es wird versucht, ihn mit einer Vielzahl an Produkten und Mitteln zu umgehen oder zu optimieren. Die Reizüberflutung des Tages, ständige Erreichbarkeit, Flexibilität und das Streben nach Innovation und Selbstoptimierung bilden einen starken Kontrast zum Schlaf – der „unproduktiven“, passiven Seite des Tages. In einer Gesellschaft, in der Leistung zählt und der Mensch sich über beruflichen Erfolg profiliert, ist Schlaf wie so häufig gesagt „verschlafene Zeit“ oder etwas das man noch tun kann wenn man Tod ist. Dabei gehört es nicht nur zum Leben dazu, sondern ist essentiell für das Leben. Wir müssen uns regenerieren um zu funktionieren. Ausschlaggebend für die Themenwahl war die Beobachtung, dass viele Menschen nach dem Arbeitstag versuchen, mit einem Feierabendbier oder einem Glas Wein, Fernsehen und mit Internet surfen, runterzukommen. Ist das tägliche Glas/ die Flasche Wein am Abend nicht ein wenig der Versuch, die Einschlafphase zu verkürzen, zu erleichtern, um sich vom Tag zu entspannen? Wobei dies doch bekanntlich als ungesund und wenig schlaffördernd gilt. Sie widmen sich nicht bewusst der Übergangsphase, sondern verdrängen die Momente, in denen sie mit sich und für sich alleine sind und lenken sich stattdessen lieber ab.

Warum sieht es so aus?

Auf der Suche nach Entspannung stieß ich vor allem auf Produkte, die ein esoterisches häufig hinduistisches Erscheinungsbild haben. Durch das Erscheinungsbild schließt es diejenigen aus, die sich der Gemeinschaft nicht zugehörig fühlen. Produkte zur Schlafoptimierung hingegen erscheinen sehr klinisch und wirken wie Fremdkörper im wohnlichen Ambiente. Die Tischleuchte AUSKLANG transformiert die Funktion der Entspannungsmethode in einen Alltagsgegenstand mit vertrauter, wohnlicher Gestaltung. Sie beruht auf dem Archetyp der Tischleuchte. Das grafische Erscheinungsbild ist auf die geometrischen Formen zurückzuführen. Einfache Geometrien, unverschnörkelt, unaufgeregt und nachvollziehbar. Die Formensprache ist zurückhaltend und unaufgeregt, um den Nutzer vor dem Einschlafen nicht durch visuelle Reize anzuregen. Inspiriert ist der Schlägel an der Seite der Leuchte von einem Modell des Sonnensystems, welche das Thema des Tages und der Nacht und die endlose Weite des Nachthimmels/ des Universums aufgreift. Das Licht wird über einen Touchsensor ein- und ausgeschaltet. Beim Aufziehen des Pinöppels federt dieser zurück, schlägelt gegen den Schirm, der wiederum mit dem Touchsensor verbunden ist und die Leuchte wird eingeschaltet. Darüber hinaus erklingt der Sound der Schale, die als Lampenschirm dient. Ihre Befestigung ist ein an der Innenseite der Schale angelöteter Stift, der in den oberen Teil der Aufhängung eingeführt wird. Dieser verhindert das Wegrutschen und Herunterpoltern der Schale, fixiert diese allerdings nicht so stark, um die Vibration des Klangs zu ermöglichen.

Was ist das Besondere?

Das Einschalten der Leuchte erfolgt durch das Anschlegeln des Leuchtenschirms. Der vibrierende und beruhigende Klang der Klangschale erklingt. Die Assoziation zum Gong – der ein Ritual einleutet – ist naheliegend. Ein Objekt, das auf nahezu jedem Nachttisch zu finden ist, wird neben dem herkömmlichen Gebrauch zum Ritualobjekt. Die Leuchte als solche bietet sich hierfür gut an, da sie das Setting in ein anderes Licht taucht und somit den Phasenwechsel betont.

Was ist neu?

Neu ist die Übertragung eines bisher im spirituellen und esotherischen Kontext verorteten Themenfeldes (Entspannng durch Klangschalen) über eine gestalterische Übersetzung in eine zeitgenössische Formsprache und ein alltägliches Wohnobjekt, um es aus seinem Nischendasein herauszuholen und für mehrere Nutzer zugänglich zu machen. Und die bewusste Abwendung von Digitalisierung und Optimierungswahn an einer Stelle, bei der diese einfach keinen Sinn ergeben bzw kontraproduktiv sind.